Wort zum Werk


 Wort zum Werk

Thomas Stadler

Um über die Entstehung der „Dübener Heide in 4 Jahreszeiten“ zu sprechen, beginne ich mit einer Anekdote. Im Mai 2016 machte sich der Chor Lyra und ich auf den Weg nach Lübeck um dort die ehemalige Chorleiterin Heidi Becker zu treffen und mit ihr zusammen ein Konzert zu gestalten. Auf der Hin- und Rückreise musste ich gerade die Jahreszeiten von Joseph Haydn lernen, denn genau an dem Wochenende als wir nach Lübeck reisten, fand eine Wochenendprobe mit dem GewandhausChor statt, der dieses Werk unter der Leitung von Gregor Meyer noch im selben Monat aufführte. Also saß ich mit meinen Noten und den Kopfhörern auf den Ohren im Bus. Als wir nach Hause fuhren und ich beim Studieren eine Pause einlegte, fragte mich die Chorsängerin und Vereinsvorsitzende Astrid Kupke, ob sie sich einmal den Text anschauen darf. Ich gab ihr das Notenheft, und sie las sehr aufmerksam. Ihr gefiel das Werk in dessen poetischer und bildhafter Sprache so gut, dass sie frei heraus sagte: „Das können wir doch auch singen!“. Darauf hin warf ich nüchtern ein: „Du spinnst wohl, das ist viel zu schwer!“. Für einen Laienchor war das Oratorium von Haydn viel zu schwer, doch mich ließen die Jahreszeiten nicht in Ruhe. Einige Zeit später bat ich Astrid mir ein paar Bücher mit Gedichten zu schicken, die mit der Dübener Heide zu tun haben, oder von Dichtern aus der Gegend stammen. Prompt schickte sie mir 2 Bücher von Klaus Grünert und einige Schnipsel aus Zeitschriften und Zeitungen. Ich fand die Gedichte, die Herr Grünert in seinen Büchern gesammelt hat so spannend und inspirierend, dass ich sofort anfing einige auszuwählen. So entstand an nur zwei Tagen der Text zum Oratorium, der noch verbindend mit einigen frei von mir gewählten und teilweise selbst geschriebenen Textzeilen ergänzt wurde.

Schon beim Schreiben sprudelten die Melodien nur so aus mir heraus. So war es gut, dass ich stets mit einem Notizblatt und einem Bleistift bewaffnet war, um jede Idee sofort zu notieren. Im Sommer 2016 entstanden somit erste Skizzen und im Herbst begann ich damit erste Arien, Rezitative und einen Chor aus dem Frühling auszukomponieren. Danach geschah lange nichts und die Arbeit lag auf dem Schreibtisch. Aber die Zeit drängte, denn Ende März 2017 mussten schon die Proben für das Konzert 2018 beginnen. Für den Chor eine große Herausforderung, denn das Stück war neu, niemand kannte die Melodien und Harmonien. Dazu kommt, dass die Lyrianer, wie sie sich selbst gerne nennen, noch nie ein Werk von solchem Umfang gesungen haben – sie waren ja nur Volkslieder gewohnt und auf einmal sollen sie große Chorpassagen und Fugen singen. Im Februar 2017, als endlich mal wieder etwas Zeit übrig war, entschied ich mich dazu, zuerst alle Chöre fertig zu komponieren, und dann im Laufe des restlichen Jahres den Rest zu schreiben, damit die Chorproben rechtzeitig beginnen konnten. Und es gehört ja mehr dazu, als nur die Noten schnell in den Computer zu hacken. Das Gedruckte soll ja auch noch schön aussehen und gut lesbar sein, die Orchestermusiker wollen alle eine eigene Stimme, und zum Dirigieren brauche ich eine ganze Partitur mit allen Stimmen – da braucht jede einzelne Note vollste Aufmerksamkeit. Als Komponist ist man damit sein eigener Verleger – gerade wenn man unbekannt ist und keinen Verlag an der Seite hat – und je länger das Werk wird, desto mehr Arbeit wird es, obwohl man schon die ganze Zeit arbeitet. Aber man ist stolz wie Oskar, wenn die letzte Note geschrieben, alles korrekturgelesen und verbessert ist und dann die fertig gedruckte Partitur mitsamt den Orchesterstimmen aus der Druckerei kommt.

Es ist alles bereit, um vom Papier über die Musiker und den Chor in Wort und Klang umgewandelt, zum Publikum zu kommen. Alles, was zuvor nur im Kopf entstand und auf dem Papier verewigt wurde, wird nun Wirklichkeit und zum Erlebnis.